Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Weimar

30.09.2013
Rezension über das Buch „Die Rote Kapelle und andere Geheimdienstmythen“
Hans Coppi/Winfried Meyer

Der Herr der Ringe

Herrn Helmut Roewers Umwälzung der Geheimdienstgeschichte des Zweiten Weltkriegs

Angesichts solch impressionistischer Deutungen, der nur vorgetäuschten Auswertung authentischer Quellen und der sehr selektiven Berücksichtigung der einschlägigen Literatur ist Roewers Buch als Beitrag zur Historiographie der deutschen und sowjetischen Geheimdienste im Zweiten Weltkrieg bei sehr wohlwollender Betrachtung mindestens überflüssig.

Im Nachwort zu seinem 2010 im konservativen Grazer Ares-Verlag erschienenen Buch über „Die Rote Kapelle und andere Geheimdienstmythen“ erklärt der Autor Helmut Roewer gewohnt großspurig, damit schließe er den deutsch-russischen Geheimdienstkrieg im Zwanzigsten Jahrhundert und nicht etwa nur seine, wie das vorliegende und die beiden vorangegangenen Bände „Skrupellos“ (2004) und „Im Visier der Geheimdienste“ (2008) zeigen, ziemlich oberflächliche Beschäftigung mit diesem Thema ab.

Der Autor war von 1994 bis 2000 Chef des thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Grund für seinen Rücktritt von diesem Amt waren Untreuevorwürfe, die bis heute gerichtlich nicht geklärt sind, da ein Ermittlungsverfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit des Beschuldigten über Jahre auf Eis lag und im Frühjahr 2011 gegen eine Geldbuße eingestellt wurde.

Indem der Autor sein Buch im Nachwort ausdrücklich als „nicht autobiographisch“ deklariert, versucht er sich als mit den beschriebenen Geschehnissen engstens verbundener geheimdienstlicher Insider auszugeben. Als solcher sei er auf Grund seiner beruflichen Position in der Lage gewesen, „Unterlagen einzusehen und ungezählte Quellen nach ihren Erlebnissen zu befragen“, die ihm milieubedingt „etliches wispernd und unter dem ‚Siegel der Verschwiegenheit’“ mitgeteilt hätten. Abgesehen davon, dass die Kontaktaufnahme zu Veteranen der internationalen Geheimdienste nicht zu den routinemäßigen Aufgaben des Leiters einer deutschen Landesverfassungsschutzbehörde zählen dürfte, war keiner der an den beschriebenen Vorgängen zentral Beteiligten schon während der Amtszeit Roewers noch am Leben, und bei der wahrscheinlich einzigen Ausnahme, dem 2009 verstorbenen Antolij Gurjewitsch, räumt Roewer selbst ein, ihn nicht mehr gesprochen zu haben (S. 429).

Schon bei flüchtiger Lektüre von Roewers Buch fällt auf, dass er seinen Text vor allem aus eklektischen Auszügen aus der nur in Auswahl berücksichtigten Literatur zusammengestellt und diese nach persönlichem Gusto kreierten Kompilationen mit Kommentaren als selbsternannter Geheimdienstexperte versehen hat. So sind die unterschiedslos aus Überblicksdarstellungen und rechtsextremer Literatur, neuen und veralteten, aber in der Regel nicht aus den aktuellen und einschlägigen Veröffentlichungen zusammengeschriebenen Kapitel wie z. B. „Der große Knall. Die Verstrickung in den 20. Juli 1944 (S. 338-350) von quälender Langweiligkeit, weil seitenweise seit Jahrzehnten Bekanntes mit so wenig Präzision referiert wird, dass z. B. aus Hans Bernd Gisevius’ Decknamen „Dr. Schicht“ bei Roewer unter Berufung auf eine im rechtsextremen Druffel-Verlag erschienene Publikation ein „Doktor Schlich“ wird (S. 340). Auch sprachlich ist Roewers Buch eine Zumutung, weil sich der Autor, der sich mit seiner gewollten Flapsigkeit erkennbar am Vorbild des verstorbenen Geheimdienstjournalisten Heinz Höhne orientiert, dessen relative sprachliche Eleganz nie auch nur ansatzweise erreicht und immer wieder seiner Bilderwut zum Opfer fällt: „Ob er (Hans Bernd Gisevius) tatsächlich nunmehr zu einer der Zentralfiguren in der NS-Opposition wurde, sollte man eher mit spitzen Fingern anfassen.“ (S. 340) Angesichts solcher Stilblüten, die Roewer anderen gern ankreidet (S. 411), kann der Leser nur hoffen, der Autor würde endlich Ernst machen, wenn er immer wieder „Ein letztes Wort noch zu ...“ (S. 350), „Noch ein Wort zu ...“ (S. 368), „Ein letztes Wort zu ...“ (S. 381), „Noch ein Wort zu ...“ (S. 391), „Noch ein Wort zur ...“ und schließlich „Ein allerletztes Wort zu ...“ (S. 392) ankündigt.

Dass Mitteilungen von Beteiligten und Zeugen als Quellen in Roewers Buch keine Rolle spielen, erklärt der Autor damit, er habe die dabei erhaltenen Informationen lediglich zum Ausgangspunkt weiterer Recherchen gemacht, wobei ihm zugute gekommen sei, „dass ungezählte Fakten mit neuerdings greifbaren Akten zu vergleichen waren.“ (S. 429) Wie ist es aber um die „Hunderte von Geheimdienstmeldungen und Vernehmungsniederschriften aus den Archiven Europas“ bestellt, die ausweislich des Klappentextes die Grundlage des Buches bilden? In der Vorbemerkung zu seiner Auflistung „Archivalien, Literatur und sonstige Quellen“ verweist Roewer auf „benutzte Archivalien aus dem Bundesarchiv, dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, den Nationalarchiven der USA und Großbritanniens sowie aus mehreren russischen Archiven“, die der Leser in den Fußnoten finde (S. 434). Die meisten von Roewer angeführten oder wörtlich zitierten Quellen finden sich aber schon in anderen Veröffentlichungen, aus denen sie Roewer unter Angabe der dort angegebenen Herkunftshinweise einfach ohne Angabe der eigentlichen Fundstelle als vermeintlich eigene Archivfunde übernommen zu haben scheint. Das wird vor allem bei Dokumenten aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts zum Fall des in der Mandschurei eingesetzten V-Manns Ivar Lissner deutlich, die von Roewer noch mit einer Signatur angeführt werden (S. 150, Anm. 363, und S. 154, Anm. 374: AA Pol I M Bd. 36 Bl. 270407 bzw. 270273), unter der sie z.B. in Winfried Meyers „Unternehmen Sieben“ (1993) zitiert waren. Seit Mitte der neunziger Jahre, also lange vor dem von ihm selbst genannten Beginn seiner Recherchen im Jahre 2003, trägt die Akte Pol I M Bd. 36 im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes aber die Signatur R 101863, was Roewer nicht hätte entgehen können, wenn er den Band selbst eingesehen hätte.

Anderes zum Fall Lissner übernimmt Roewer unüberprüft von seinem Vorbild Höhne wie z.B. die Information, die Formalien der Verpflichtung Lissners für das Amt“ habe „ein ehemaliger Schulfreund, nämlich der Luftwaffenhauptmann Werner Schulz“ übernommen. Tatsächlich war der überwiegend bei der Abwehrstelle im Wehrkreis III (Berlin) tätige und damit für Ivar Lissner nicht zuständige Hauptmann der Luftwaffe Werner Schulz Jahrgang 1896 und kann deswegen schlecht ein Schulkamerad des 1909 geborenen Lissner gewesen sein. Zuständig für dessen Rekrutierung war tatsächlich der damalige Referatsleiter I Luft/Ost, der Jurist Dr. Bertram Schulze. Woher er die Information hat, Lissners Informationen seien aus dem sowjetischen Generalkonsulat in Harbin gekommen, lässt Roewer vollkommen im Dunkeln, Lissners tatsächliche Hauptquellen, die „Russische Faschistische Union“ von Konstantin Rodzaevsky und Grigori Michailowitsch Semjonow, Kosaken-Ataman in der Transbaikalregion, aber tauchen bei ihm überhaupt nicht auf.

Anstatt Geheimdienstmythen kritisch zu hinterfragen, schreibt Roewer sie nicht nur fort, sondern potenziert sie zu blühendem Unsinn, indem er freihändig gleich etliche fehlerhafte, falsche oder frei erfundene Darstellungen miteinander zu einer phantastischen Melange anrührt. Das gilt auch für seine Ausführungen über den legendären angeblichen Abwehr-Agenten „Max“, den man sich nach Meinung Roewers nicht entgehen lassen dürfe, denn selten sei „einer so unzutreffend wie dieser hier in der deutschen Spionageliteratur beschrieben worden“ (S. 259). Tatsächlich hat es „Max“ als personalen Agenten nie gegeben, weil „Max“ und „Moritz“ nur generische Bezeichnungen für von Richard Kauder („Klatt“) an die Abwehrstelle Wien übermittelte Berichte aus der Sowjetunion bzw. dem Nahen Osten und Nordafrika waren. Roewer aber übernimmt die wichtigtuerische Darstellung des ehemaligen KGB-Generals Anatolij Sudoplatow, unter dem Decknamen „Max“ sei von der Abwehr der vom sowjetischen Geheimdienst im Februar 1942 vor Moskau über die Linien geschleuste Doppelagent Aleksandr Demjanov („Heine“) geführt worden. Diesem sei es dann Roewer zufolge gelungen, sich in Österreich und Ungarn als der angebliche Sportjournalist Fritz Kauders zu etablieren (S. 259). In diesem hatte der US-Historiker David Kahn schon 1978 fälschlicherweise den V-Mann „Klatt“ als Lieferanten der legendären „Max“-Meldungen erkannt zu haben geglaubt. Fritz Kauders war zwar tatsächlich als V-Mann in Budapest und Zagreb für die Abwehrstelle und den SD Wien tätig gewesen, kann aber weder mit dem V-Mann „Klatt“, dessen Meldungen aus der Sowjetunion im April 1942 erstmals mit „Max“ gekennzeichnet waren, noch gar mit dem im Februar 1942 über die Linien gegangenen sowjetischen Doppelagenten Demjanov identisch gewesen sein kann: Fritz Kauders wurde bereits im September 1941 in Zagreb verhaftet und über die Gestapoleitstelle Wien und das KZ Flossenbürg nach Auschwitz verschleppt, wo er im Januar 1943 ermordet wurde.

Der sowjetische Doppelagent Aleksandr Demjanov („Heine“) war tatsächlich dem der Heeresgruppe Mitte zugeteilten Abwehrkommando 103 untergeschoben worden und von diesem mit Funkern nach Moskau zurückgeschickt worden, um von dort über Funk zu berichten. Von seinen deutschen Auftraggebern war Demjanov als Hauptagent des Agentenfunktrupps „Flamingo“ auch nie unter dem Decknamen „Max“, sondern immer unter seinem tatsächlichen Vornamen „Alexander“ oder als „V-Mann A. aus Moskau“ geführt worden. Dass er der legendäre „Max“ gewesen sei, ist eine reine Erfindung des ehemaligen KGB-Generals Sudoplatov, der damit seine Memoiren für Westverlage interessant machen wollte. Da Demjanov deswegen niemals etwas mit der Abwehrstelle Wien zu tun hatte, rückt auch Roewers Bemerkung, der Leiter der Abwehrstelle Wien, Oberst Graf Rudolf von Marogna-Redwitz, sei für die Nichtentdeckung des sowjetischen Doppelagenten verantwortlich, weil er sich zu sehr mit humanitären Hilfsaktionen beschäftigt habe (S. 260), allenfalls Sachkenntnis und Charakter des Autors in ein zweifelhaftes Licht.

Dazu trägt schließlich auch bei, dass sich Roewer als Materialgrundlage seiner kurzen Darstellung der Geschichte des V-Manns „Klatt“ und seiner exilrussischen Gewährsleute mehrfach auf mehrbändige Ermittlungsakten des britischen Security Service zu diesen drei Personen bezieht, die er aber schon deswegen niemals eingesehen haben kann, weil er kein einziges darin enthaltenes Dokument erwähnt oder zitiert und als Urheber der Akten den „SIS“ (S. 391, Anm. 100), also den britischen Auslandsgeheimdienst Secret Intelligence Service, angibt. Roewer hat allem Anschein nach sämtliche von ihm angegebene Akten des Security Service im Bestand KV2 der britischen National Archives niemals eingesehen, sondern sie lediglich nach den kurzen Inhaltsbeschreibungen in der im Internet zugänglichen Beständeübersicht in seinen Fußnoten als Quelle angegeben und seinem Quellenverzeichnis hinzugefügt (S. 391f., Anm. 1101f., S. 444). Um dem mit den Quellen weniger erfahrenen Leser „die Auswertung von Hunderten von Geheimdienstmeldungen und Vernehmungsniederschriften aus den Archiven Europas“ vortäuschen zu können, gibt Roewer als weitere Archivquelle zum V-Mann „Klatt“ (Richard Kauder) auch ein Dokument „OSS: Kauder“ aus den amerikanischen National Archives mit der Signatur „Record Group 226, Entry 211, Box 22“ an (S. 392, Anm. 1104). Auch dieses Dokument ist lediglich nach den Regesten angegeben, die die amerikanische Nazi War Criminal Reports Interagency Working Group (IWG) für von der CIA in den Jahren 1975 bis 1996 zurückgehaltene Unterlagen der Vorläuferorganisationen OSS und SS bei deren Freigabe ab dem Jahre 2000 erstellt hat und die ebenfalls im Internet zugänglich sind. Dass Roewer nur diese Regesten genutzt, das Dokument aber nie gesehen hat, geht schon daraus hervor, dass er es dem mit Wirkung vom 30. September 1945 aufgelösten OSS (Office of Strategic Services) zuschreibt, während es sich tatsächlich um ein als „Top Secret“ gekennzeichnetes Fernschreiben der der OSS-Nachfolgerorganisation SSU (Strategic Services Unit) zugehörigen SCI/A (Secret Counter-Intelligence Austria) an die SSU-Repräsentanz in London vom 12. Februar 1946 handelt.

Wenn von Roewer einmal nicht nur Regesten aus dem Internet, sondern größere Teile von in der Literatur im Faksimile veröffentlichten Quellen herangezogen werden, liest er Dinge daraus, die der Text der Quellen beim besten Willen nicht hergibt: In einem wahrscheinlich aus dem Frühjahr 1954 stammenden Bericht des ungarischen kommunistischen Staatssicherheitsdienstes über Decknamen, Beurteilung und Bezahlung der Agenten des deutschen SD in Ungarn wird aus der bloßen Funktion von SS-Sturmbannführer Josef Urban als SD-Repräsentant in Ungarn geschlossen, auf dessen Anweisung sei „der SD-Agent Richard Klatt, der Jude war,“ verfolgt worden. Stimmt schon diese Feststellung nicht, weil Richard Kauder („Klatt“) niemals als Agent für den SD gearbeitet hat und der Bericht deswegen anders als bei den anderen SD-Agenten seine V-Mann-Nummer schuldig bleiben muss, macht Roewer aus der kurzen Textstelle eine ganze phantastische Geschichte (S. 390): „Doch im März 1944 holte die deutsche Herrschaft den entsprungenen Agenten in Ungarn ein. SD-Resident Urban brauchte bis zum Sommer, um Kauder aufzuspüren, dann nahm er ihn wieder unter deutschen Vertrag; ganz freiwillig wird Kauder sich nicht gefügt haben. Doch was wäre die Alternative gewesen? Im Herbst setzte sich die SD-Residentur aus Budapest in Richtung österreichisch-ungarische Grenze nach Gürüs ab. Dort wurde Kauder im Februar 1945 von seinen eigenen Leuten als mutmaßlicher sowjetsicher Doppelagent festgenommen und nach Wien verschleppt.“

Wären die unvollständige Berücksichtigung der Forschungsliteratur und die nur vorgetäuschte Auswertung von Quellen bei Randfiguren des Buches wie „Klatt“ vielleicht noch hinzunehmen, machen sie Roewers Umgang mit seinem Hauptanliegen, der Korrektur „verbreiteter Irrtümer“ zu der „Agentengruppe Rote Kapelle“, einem der „bedeutendsten Spionagenetzwerke des Zweiten Weltkriegs“, zum absoluten Ärgernis, weil Roewer tatsächlich nicht nur längst korrigierte alte Irrtümer wiederbelebt, sondern ihnen auch einige neue hinzufügt. Sein Ansatz erweist sich als Sprung zurück in die Geschichtsmythen des Kalten Krieges. Der Autor belebt das von der Gestapo unter dem Fahndungsnamen „Rote Kapelle“ geschaffene Konstrukt eines europaweit agierenden sowjetischen Spionagenetzes wieder, auch wenn er die Berliner Widerstandskreise von den Gruppen, die im Auftrag des militärischen Nachrichtendienst der Roten Armee in Paris und Brüssel arbeiteten, trennt. Wer hofft, aus neuen Quellen, vielleicht sogar aus bisher nicht zugänglichen Archiven wie z.B. dem des Verfassungsschutzes mehr über die oftmals verzeichnete und fehlinterpretierte „Rote Kapelle“ zu erfahren, wird enttäuscht. Statt der groß angekündigten „Quellenstudien“ und „Forschungen“ werden auch in diesem Falle vor allem deutschsprachige Publikationen und die in ihnen bereits veröffentlichten Quellen ausgeschlachtet, während wichtige jüngere Veröffentlichungen von Roewer schlicht ignoriert wurden.

Das gilt vor allem für in der „Glasnost“-Periode und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstandene russische Arbeiten zur „Roten Kapelle“. Dazu gehören die Veröffentlichungen von Vladimir Petscherski und Teodor Gladkow , die sich mit dem stellvertretenden Residenten des Auslandsnachrichtendienstes an der sowjetischen Botschaft, Alexander Korotkow, und den Berliner Widerstandskreisen um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen beschäftigten. Aber auch die 2002 veröffentlichte Skizze von Soja Woskressenskaja über den Mitarbeiter der Gestapo und sowjetischen Agenten Willi Lehmann und das aus überraschend quellenkritischer Perspektive verfasste Nachwort von Andrej Galagan zu den 1990 in Moskau erschienenen Memoiren von Leopold Trepper werden von Roewer ebenso ignoriert wie die von Valentin Tomin 2005 herausgegebenen Protokolle der Gespräche, die Jurij Korolkow zwischen 1969 und 1973 mit Leopold Trepper in Warschau führte. Auch die in Moskau eingegangenen Warnungen Harnacks und Schulze-Boysens vor einem deutschen Angriff gegen die Sowjetunion mit Hinweisen auf die Herkunft der jeweiligen Information, die von Frau Rybkina am 20. Juni 1941 zusammengestellt und die 1998 veröffentlicht wurden, befinden sich nicht unter den von Roewer angeblich genutzten „Hunderte(n) von Geheimdienstmeldungen und Vernehmungsniederschriften aus den Archiven Europas“. Wenn Roewer z.B. Stalin unterstellt, 1941 einen Angriff auf Deutschland vorbereitet zu haben und nur durch den Einfall deutscher Truppen daran gehindert worden zu sein, vermisst man eine Auseinandersetzung mit der einschlägigen Publikation zur „Kontroverse um die Präventivkriegsthese“ . Die Literatur aber, die Roewer als vermeintliche Belege für seine Behauptungen in den Fußnoten angibt, stützt häufig nicht das von ihm Behauptete, sondern legt manchmal sogar dessen Gegenteil nahe. Schließlich finden sich wie in den anderen Teilen seines Buches auch im Kapitel zur „Roten Kapelle“ etliche „Quellenplagiate“: Den in den Fußnoten 491 und 501 enthaltenen Verweis auf ein russisches unveröffentlichtes Manuskript von Vladmir Petscherskij z. B. hat Roewer offensichtlich aus den Fußnoten einer in deutscher Übersetzung vorliegenden Publikation übernommen, ohne diese als Fundort anzugeben.

Auf der Grundlage neuerschlossener Quellen hat sich in den letzten 20 Jahren die Sicht auf die Berliner Widerstandskreise um Harnack und Schulze-Boysen grundlegend gewandelt. Befreit von den Geheimdienstmythen, werden sie inzwischen als integraler Teil des vielfältigen deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus gewertet. Durch persönliche Kontakte bildete sich 1940/41 ein loses Netzwerk von sieben Berliner Freundes- und Widerstandskreisen heraus. Ihnen gehörten mehr als 120 Regimegegner, Frauen und Männer unterschiedlicher sozialer Herkunft und weltanschaulicher Auffassungen an. Arbeiter, Angestellte, Unternehmer, Intellektuelle, Künstler, Ärzte, Soldaten und Offiziere, Marxisten und Christen diskutierten politische und künstlerische Fragen, halfen politisch Verfolgten und von der Deportation bedrohten Juden sowie Zwangsarbeitern, dokumentierten NS-Gewaltverbrechen und riefen in Flugschriften und Zettelklebeaktionen zum Widerstand auf. Es bestanden Kontakte zu Widerstandsgruppen in Berlin und Hamburg, zu französischen Zwangsarbeitern und Vertretern der amerikanischen und sowjetischen Botschaft. Die von Harnack und Schulze-Boysen der sowjetischen Botschaft übergebenen Informationen über die Vorbereitungen des Angriffs auf die Sowjetunion und ihre Bereitschaft, während des Krieges einen - dann nicht zustande gekommenen - Funkkontakt mit der sowjetischen Seite aufzunehmen, waren Teil vielfältiger Widerstandsaktivitäten.

Dieser Paradigmenwechsel in der Sicht auf die „Rote Kapelle“ ist bereits mit einer Tagung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand 1992 angestoßen und bei der Tagung „Widerstand und Spionage im Zweiten Weltkrieg“ im Jahre 2002 auf Beziehungen deutscher Widerstandskämpfer zu Nachrichtendiensten von 1933 bis 1945 erweitert worden, deren Tagungsband Roewer aber bei seinen Literaturrecherchen geflissentlich übersehen hat. Statt an den aktuellen Forschungsstand anzuknüpfen, werden bei Roewer - wie schon vor 40 Jahren von dem „Spiegel“-Redakteur Heinz Höhne - die Deutungsmuster der Gestapo fortgeschrieben und aus Hitler-Gegnern Residenten und Agenten des sowjetischen Geheimdienstes, aus Widerstandskreisen sowjetische Agentenringe gemacht. Motivation und Selbstverständnis der Hitler-Gegner um Arvid Harnack, Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium und Oberleutnant Harro Schulze-Boysen, Angestellter im Luftfahrtministerium, interessieren den Geheimdienstexperten Roewer nicht. Er nimmt z. B. nicht zur Kenntnis, dass der stellvertretende Leiter der Berliner Residentur des NKVD-Nachrichtendienstes, Alexander Korotkow, der Moskauer Zentrale Mitte Januar 1941 nach einem Gespräch mit Harnack mitgeteilt hat, dass dieser sich nicht in der Rolle eines Agenten empfinde und Korotkow nicht als seinen Chef, sondern als Vertreter eines Landes ansehe, mit dem er sich ideell verbunden fühle und von dem er Unterstützung erwarte. Soja Rybkina, im Jahre 1941 Mitarbeiterin in der deutschen Abteilung des NKVD-Nachrichtendienstes, resümierte in einer in ihrem Nachlass aufgefundenen biographischen Skizze über den bei der Spionageabwehr der Gestapo arbeitenden Sowjetagenten Willi Lehmann: „Vielleicht ist zu verstehen, warum der Auslandsnachrichtendienst zögerte, Kontakte mit Mitgliedern der „Roten Kapelle“ aufzunehmen. Wozu benötigte man politisierende Intellektuelle, wenn der NKVD über einen professionellen Spion Zugang zu höchsten Kreisen hatte?“.

Unbelastet von all diesen Veröffentlichungen unterstellt der Geheimdienstexperte den „Staragenten“ (S. 56), dass sie bevorzugt „gefährliche Falschmeldungen“ (S. 192) weitergeleitet oder vor allem Schulze-Boysen seine Bekannten „rücksichtslos zur Informationsgewinnung“ (S. 191) ausgenutzt hätten und sie auf einen „Hasardeur hereingefallen“ (197) seien,. Für Roewer sind die Regimegegner keine Widerstandskämpfer, sondern Agenten „bestenfalls zweiter Garnitur“, die sich in Widerstandszirkeln mit kleineren Aktionen ihre Existenzberechtigung bestätigten (S. 69). In wundersamen Organigrammen, wie sie in ähnlicher Form einst bereits die Gestapo, Heinz Höhne, Gert Sudholt oder Julius Mader benutzten , erscheinen in ausufernden Spionageringen um Harnack und Schulze-Boysen Führungsoffiziere, diverse aus dem Hut gezauberte Kuriere, Residenten, Agenten und Abschöpfungskontakte (S. 184f., 205).

In diesem Agentendschungel verliert Roewer dann endgültig den Faden. Viele der den (nicht existierenden) Spionageringen zugeschlagenen Personen haben ihre (erfundenen) Agentenführer gar nicht gekannt. In seinem Agentenfuror macht Roewer die große im Februar 1942 zerschlagene kommunistische Berliner Widerstandsorganisation um Robert Uhrig zu einem weiteren „Ring“ der „Roten Kapelle“ (S. 168). Den Beweis dafür bleibt er als selbsternannter Herr der Ringe indes schuldig. Da es an Sorgfalt in seinen Recherchen mangelt, verliert der Autor immer wieder die Übersicht über das komplexe Thema. Auch in den kryptisch anmutenden biografischen Abrissen zu Harnack, Schulze-Boysen, Ilse Stöbe und anderen nimmt er es mit den historischen Fakten nicht so genau. Um es besser zu machen, hätte aber schon ein Blick in das mit sorgfältig recherchierten biografischen Angaben versehene Gestapo-Album zur Roten Kapelle genügt, das Roewer anscheinend ebenfalls nicht zur Kenntnis genommen hat. Stattdessen versucht er die fehlenden Fakten durch gewollt lässige Formulierungen zu kompensieren, wenn er etwa Schulze-Boysen als „Hasardeur“ (S. 197), „viel zu kleines Licht“ (S. 189) und „Menschen mit solider Halbbildung“ (S. 197) charakterisiert oder Flugschriften, die er nicht gelesen hat, als „unüberlegten Blödsinn“ abtut (S. 198). Da fällt dann kaum noch ins Gewicht, dass er den Fallschirmspringer Heinrich Koenen mit dessen Vater Wilhelm verwechselt (S. 383).

So wird weitgehend frei von Sachkenntnis verkürzt, aus dem Zusammenhang gerissen und auch mit Unterstellungen gearbeitet. Aus der Meldung einer Anti-Kriegsstimmung in Berlin im Jahre 1941 will Roewer „ohne das man es mit Bestimmtheit sagen kann, die Stimmen von Harnack und Schulze-Boysen“ herausgehört haben (S. 69). Auf der Seite 174 „sprudelt die Quelle Korsikanetz-Harnack wieder fröhlich. Hinweise auf die Angriffsabsichten sind ebenso dabei , wie die angeblich kriegsverneinende Stimmung der Bevölkerung. Während das eine (die Angriffsabsichten) stimmte,war die andere Meldung (kriegsverneinende Stimmung) falsch. Wie kam es zu der Fehleinschätzung durch den intelligenten Harnack?“ Diese Frage muss man an den Autor zurückgeben, der ja lediglich selbst die Stimme Harnacks in der Meldung zu vernehmen gemeint hatte.

Angesichts solch impressionistischer Deutungen, der nur vorgetäuschten Auswertung authentischer Quellen und der sehr selektiven Berücksichtigung der einschlägigen Literatur ist Roewers Buch als Beitrag zur Historiographie der deutschen und sowjetischen Geheimdienste im Zweiten Weltkrieg bei sehr wohlwollender Betrachtung mindestens überflüssig.

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