Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Weimar

28.07.2013
Benefizkonzert des Bundespräsidenten 2013 in Weimar
Richard Häsler

Musik verbindet

„Wir wollen einen Blick hinter die Musik wagen und Menschen verbinden.“ (David Afkam)

Die Benefizkonzerte des Bundespräsidenten haben seit der Begründung im Jahre 1988 durch Richard von Weizäcker eine lange Tradition und dienten ganz unterschiedlichen Projekten und Institutionen im Inn- und Ausland. In diesem Jahr sollen die Erlöse der Internationalen Jugendbegegnungsstätte der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora zugutekommen. Die Begegnungsstätte bietet Jugendlichen aus dem In- und Ausland die Möglichkeit, mehrere Tage in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers zu verbringen, um sich intensiv mit der Geschichte dieses Ortes auseinanderzusetzen.

Dazu gab das Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar seinen diesjährigen Konzertauftakt am 27.Juli in Weimar, welchen Bundespräsident Joachim Gauck bei hochsommerlichen Temperaturen in einer wohltemperierten Weimarhalle eröffnete. Joachim Gauck bedankte sich bei allen Initiatoren und hob die Bedeutung des Zusammenspieles zwischen deutschen und israelischen Jugendlichen hervor, was in seiner Jugendzeit undenkbar war. Er machte auf die Bedeutung der Stadtgeschichte aufmerksam, in der sich Humanismus und nationalsozialistische Gräuel vereinen. Weimar und Jerusalem, das gibt schon etwas.

Die Präsidentin des Thüringer Landtages Birgit Diezel kündigte den zahlreich erschienenen Besuchern mit viel Enthusiasmus einen Kunstgenuss an und unterstrich den Zweck des Benefizkonzertes. Es war ein gefüllter Saal und zum Konzert konnten auch die Buchenwaldüberlebenden und Ehrenbürger der Stadt Weimar Bertrand Herz und Ottomar Rothmann mit seiner Ehefrau Christel begrüßt werden.

Geschichte wird lebendig in der Perspektive des Anderen. Ihr Musizieren ist eine Verheißung für die Zukunft. Junge Musiker aus Israel und Deutschland bilden ein Orchester, das Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar. Sie studieren an der Jerusalem Academy of Music and Dance und in Weimar an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT. Im Sommer 2011 spielten sie erste Konzerte zum Gedächtnis Buchenwalds, auf der Wartburg in Eisenach und in Berlin; im Dezember dann in Jerusalem und Tel Aviv. Ihr Repertoire sind Werke, in denen die geschichtlichen Brüche und Katastrophen, die sie trennt und eint, aufscheinen und denen sie über Leugnen und Vergessen neues Gehör geben. Die bereits vor einigen Jahren in Weimar geborene Idee des Projektes ist es, dass junge Musikerinnen und Musiker aus Weimar und Jerusalem gemeinsam proben, Konzerte geben, diskutieren und feiern. Neben Führungen durch die Gedenkstätte Buchenwald hatten die Jugendlichen auch Gelegenheit mit dem Zeitzeugen, unseren Kameraden Ottomar Rothmann zusammen zu treffen, der aus seinen Erlebnissen im faschistischen Konzentrationslager Buchenwald berichtete.


Sonny Tae, Foto R. Häsler

Das Orchester dirigierte Michael Sanderling, den die Dresdner Philharmonie im Jahr 2010 zu ihren Chefdirigenten wählte und der das Amt in der Nachfolge von von Rafael Frühbeck de Burgos ab der Saison 2011/2012 übernahm.

Nach dem Eingangsklängen der Passacaglia op. 4 von Berthold Goldschmidt bildete den musikalischen Auftakt Felix Mendelssohn s Bartholdys Konzert für Violine und Orchester e- moll op.64, gespielt von der Südkoreanerin Sunny Tae (Violine). Dies ist ein nicht gerade einfaches Stück, dem sich diese junge Frau an diesen Abend stellte.

Wenn die Südkoreanerin an ihren Auftritt dachte, so äußerte sie sich im Vorfeld, kribbelt es bereits in ihrem Bauch. Der Grund dafür ist nicht unbedingt bei Bundespräsident Joachim Gauck zu suchen, vielmehr ist das Benefizkonzert zugleich der zweite Teil ihres Konzertexamens als höchster künstlerischer Abschluss. Seit vier Jahren studiert die 26-Jährige an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar bei Prof. Dr. Friedemann Eichhorn, der sie bereits erfolgreich zum Diplom geführt hat. "Technisch ist das Violinkonzert nicht so schwierig", meint die junge Geigerin. Aber den richtigen musikalischen Ausdruck zu finden sei die Herausforderung an dem Stück. "Es darf nicht zu klassisch, aber auch nicht zu romantisch klingen." Ihre Darbietungen übertrafen alle Erwartungen. Sunny Tae fand nicht nur den richtigen musikalischen Ausdruck sondern ihre Bewegungen und die Musik flossen phantastisch ineinander. Das Publikum lohnte ihre Mühe mit langanhaltenden Beifallsstürmen. Es war faszinierend. Sonny Tae- ein Name den man sich merken sollte.

Lieder von Gustav Mahler, kunstvoll gesungen und interpretiert von Florian Götz, Bariton, bildeten den unterhaltsamen Mittelteil des Konzertes.

Im Abschluss spielte das Orchester Dimitri Schostakowitsch, die Sinfonie Nr. 6 h- Moll op. 54 in Gänze mit ihren drei Sätzen: Largo, Allegro und Presto. 1936- , die Sechste Sinfonie sollte ursprünglich eine großangelegte "Lenin-Sinfonie" werden, - ein oft angekündigtes Auftragswerk, doch nie in die Tat umgesetztes Projekt von Schostakowitsch. Stattdessen versah der Komponist dieses Werk mit vielen Chiffren, um somit der Zensur während der stalinistischen Säuberungen zu entgehen und deren Aufführungen zu sichern. Dies versuchte Michael Sanderling in seinem Dirigat offen zu legen. Die Darbietung bot der Weimarhalle ein musikalischen Inferno und ein nachhaltiges Klangerlebnis für jeden Besucher, in welchem es Sanderling gelang, den „Galopp des dritten Satzes“ als den gelungensten, so wie es der Komponist verstand, darzustellen.

Tosender Beifall veranlassten Michael Sanderling und das Orchester zu einer Zugabe. Der Bundespräsident Joachim Gauck ließ es sich nicht nehmen, die Bühne zu betreten und sich persönlich beim Dirigenten und dem Orchester zu bedanken.


Foto R. Häsler

Insgesamt bot das Orchester neben seiner hervorragenden Leistung ein hohes Maß an Können und Disziplin. Vom Publikum konnte man letzteres nicht behaupten, musste während des Konzertes Michael Sanderling um das Ausschalten von klingelnden Handys bitten. Es war ein gelungenes Konzert und ein wirkliches Fest der Völkerverständigung und Begegnung.

© VVN-BdA Weimar