Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.
Kreisvereinigung Weimar
Buchenwald aus Tätersicht
Ein Roman über das KZ Buchenwald
Ein SS Richter lebt während seinen Ermittlungen in den Standorten der Konzentrationslager. Acht Monate studiert er im KZ Buchenwald(1) Akten, verhört Zeugen ist blind für sein Umfeld, in einer Stätte des Grauens. Seine Untersuchungen führen ihn in die Vernichtungslager im Osten. Wie sieht es aus im Inneren, im Kopf eines SS Mannes, der im Lageralltag eines Konzentrationslagers lebt, welcher geprägt ist von Misshandlungen, Folter, medizinischen Versuchen an Häftlingen und Mord auf Befehl?

Dem brisanten Thema zur Denkweise von SS Massenmördern, stellte sich 2006 der französisch/amerikanischen Schriftsteller Jonathan Littell mit seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt. Auch in Deutschland sorgte das Erscheinen 2008 für Aufsehen, sowohl bei Befürwortern als auch bei den Gegnern der Lektüre. Jetzt stellt sich ein deutscher Autor, Volker Harry Altwasser mit seinem Roman „Die letzte Haut, diesem Thema. Altwasser ist Jahrgang 1969 und lebt heute in Rostock. Auch er möchte mit dem Staffelstab des Erzählens über die Verbrechen des Nationalsozialismus erlebbare Geschichte an die Enkelgeneration übergeben. Anders als Littell`s fiktiver Romanheld SS Offizier „Maximilian Aue“, der als intellektueller Massenmörder an den historischen Orten der NS Verbrechen operiert, gewinnt Altwassers Romanfigur „Kurt Schmelz“ seine Legitimation aus einem historischen Vorbild. Es hat einen Namen, es hat ein Gesicht und die Romanhandlung ist Teil dessen Lebens, vielleicht der wichtigste Teil.
SS Hauptsturmführer und SS Richter Dr. Konrad Morgen!
„[…] Ihn autorisierte Reichsführer SS Himmler(2) , die begonnene Untersuchungen im KZ Buchenwald fortzuführen. Dies führte zu Anklagen gegen den Lagerkommandanten Karl Koch, seine Frau Ilse und Mittäter wie Martin Sommer wegen Korruption, Mordes und Körperverletzung mit tödlichem Ausgang. Koch wurde wegen Mordes zweimal zum Tode verurteilt und kurz vor Kriegsende hingerichtet. Konrad Morgen verurteilte einen weiteren Beteiligten, Waldemar Hoven, zum Tode. Das Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt“(3) . Bei seinen Untersuchungen gewann er umfassende Einblicke in die Maschinerie der Massenvernichtung in den Konzentrationslagern(4) , gegen die er aber nicht ermittelte.(5) Er führte recht erfolgreich insgesamt 800 Untersuchungen durch, „800 Aktenstücke, die mehrere Fälle umfassten“. 200 gelangten während seiner Tätigkeit zur Aburteilung.(6)
Seine Abschussliste zierten prominente Namen der düstersten KZ-Aristokratie: Karl Koch, Kommandant von Buchenwald und Lublin, wegen Mordes zweimal zum Tode verurteilt und hingerichtet. Hermann Florstedt, Kommandant von Lublin, wegen Mordes zum Tode verurteilt und hingerichtet. Hermann Hackmann, Schutzhaftlagerführer von Lublin, wegen Mordes zum Tode verurteilt, dann aber zu einer Strafeinheit versetzt. Hans Loritz, Kommandant von Sachsenhausen, Ermittlungen eingeleitet wegen des dringenden Tatverdachts unerlaubter Tötungen. Adam Grünewald, Kommandant von Herzogenbosch, wegen Mißhandlung von Häftlingen verurteilt und strafversetzt. Karl Künstler, Kommandant von Flossenbürg, wegen Trunkenheit und ausschweifenden Lebenswandels abgesetzt. Alex Piorkowski, Kommandant von Dachau, wegen Mordes angeklagt, aber nicht verurteilt. Ernst Grabner, Leiter der Politischen Abteilung von Auschwitz, wegen Mordes angeklagt, aber nicht verurteilt.
Gegen den Lagerkommandanten des KZ Auschwitz ermittelte er u.a. wegen eigenmächtiger Tötung von Häftlingen und brachte eine Zeugenaussage über dessen Beziehung zu einem weiblichen Häftling bei.(7) Je tiefer Morgen und die Männer des Reichskrimminalpolizeiamtes (RKPA) in die Geheimnisse der KZ-Welt eindrangen, desto unruhiger wurde Himmler. Mitte April 1944 gab er Order, Morgen solle sich nur noch auf den Fall Koch beschränken; alle weiteren Untersuchungen seien einzustellen. Es war kein Zufall, dass Himmler die Aktion Morgens just in dem Augenblick abstoppte, da sich die Ermittlungen Morgens auch gegen den Auschwitzer Lagerkommandanten Höß(8) richteten. In Rudolf Höß verkörperten sich jene idealen SS-Männer, um dessen "Reinheit" Himmler allein besorgt war, als er die kurze Episode der Selbstsäuberung zuließ. Es waren die Männer, (Massenmörder), die „anständig“ geblieben waren.(9)

Dr. Konrad Morgen 1972
Als Spezialist für Konzentrationslagerverbrechen, wie Morgen sich selber nannte, war er im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess Zeuge der Verteidigung.(10) Seine eigene Rolle als SS-Mitglied verharmloste Morgen später als Zeuge im 1. Frankfurter Auschwitzprozess.(11) Auch stellte er sich den Amerikanern nicht als Zeuge im Schauprozess gegen Ilse Koch(12) im Bezug auf das Töten von Häftlingen zum Zwecke der Verwendung tätowierter Menschenhaut und der Herstellung von Schrumpfköpfen zur Verfügung. Nach dem Krieg war er tätig als Rechtsanwalt in Frankfurt a.M. bis 1979 und starb 1982.
All das bindet Altwasser in seine Romanhandlung ein, beschränkt sich aber auf die Ermittlungen und Prozessführung von Buchenwald. Altwasser beantwortet nicht die sich aufwerfenden Fragen zur widersprüchlichen Persönlichkeit und den befremdlichen Zeugenaussagen(13) des Dr. Morgen in Nürnberg und Frankfurt a.M. . Er überlässt dem Leser die Interpretation des im Roman eingewobenen Quellenmaterials, welches er zusammen mit dem Historiker Karsten Raabe recherchierte und geht als Romanerzähler weit über die historischen bekannten Fakten hinaus. Mit Kurt Schmelz beantwortet er Motivationen, welche dem Leser gestatten aus Tätersicht den KZ Alltag zu verfolgen aber weit davon entfernt diesen zu akzeptieren. Sein Romanheld, zwar traumatisiert durch seine Kriegserfahrungen an der Ostfront, glaubt noch im Nationalsozialismus Karriere zu machen. Diese geht ihm über alles, der ordnet er alles unter. Seine Sondervollmacht als SS Ermittlungsrichter und der Untersuchungsauftrag gegen den Lagerkommandanten Karl Koch gaben ihm die Chance dazu. Geradezu besessen ermittelt er, wohlgemerkt gegen Korruption, nicht gegen Massenmord. „Für Schmelz waren das alles Tatsachen, die nicht mehr zu Ändern waren. Nicht seine Tatsachen, er hatte vor ganz andere Tatsachen zu schaffen. Schmelz verstand was sich ihm für eine Chance bot […], er könnte in allen, allen Lagern Beweise suchen und finden.“(14) Im Zuge seiner Ermittlungen schreckt er letztlich nicht vor Fälschung und Mord zurück. Er wird zum Täter, nicht aus ideologischer Verblendung sondern aus karrieristischem Ergeiz. Der Romanheld von Altwasser zerbricht an seiner Mitwisserschaft am Ende seines Lebens. Zu sehr verstrickt hat sich Schmelz in das NS- System. Er ermittelt und verurteilt Mörder und Mörder, für die er alles gibt erteilen ihn dazu den Auftrag. Damit wird er nicht fertig, er reist sich die (letzte) Haut vom Leibe.
Wie Littell bedient sich Altwasser der Sprache der Protagonisten(16) und verbindet das Zeitfenster des Romans mit dem Kriegsgeschehen. Auch er mutet dem Leser den Tötungsalltag bis zur Schmerzgrenze zu und schreibt schrecklich, kitschig, brutal und pervers. Doch der Roman liest sich spannend wie ein Krimi. Auch Altwasser ermöglicht dem Leser in einem gewissen Grade nachzuvollziehen, was die Romanfigur tut und warum sie es tut. Er gibt Einblick in die Innenwelt des Täters und ermöglicht es selbst abzuwägen, wie weit der Leser bei dieser Persönlichkeit mitgehen will. Er verzichtet bei dem Thema auf den erhobenen Zeigefinger und den belehrenden Ton. Altwasser stellt das Grauen im KZ Buchenwald dar, reiht Schrecklichkeit an Schrecklichkeit, bringt und fordert die Erinnerung an diese Gräuel. Leider fehlt ein Quellenverzeichnis der Recherche, welches er durch erzählenden Romanstoff ersetzt. Der aber ist überzeugend und beeindruckend. Man kommt den Tätern nahe, wenn man den Nationalsozialismus als „Lebensgefühl“(16)begreift, woran sich der Autor sicher gehalten hat.(17)
Der Roman „Die letzte Haut“ ist im März 2009 bei Mattes & Seitz Berlin erschienen 480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-88221-744-5, kostet € 22,80 / CHF 41,00.
Fußnoten:
(1)Zeugenaussage Dr. Morgen, am 197. Verhandlungstag (7.August 1946) Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. „[…] ich hatte die Genehmigung Konzentrationslager selbst zu besuchen. […] Ich war in Buchenwald selbst 8 Monate hauptsächlich tätig und habe dort gewohnt.“
(2)Morgens Behauptung wird unterlegt durch die Posener Rede vom 04.10.1943 bei der SS- Gruppenführertagung vom Reichsführer SS Heinrich Himmler „Ich habe einen strikten Befehl gegeben,[,,,]dass diese Reichtümer selbstverständlich restlos an das Reich abgeführt wurden. Wir haben uns nichts davon genommen. Einzelne, die sich verfehlt haben, werden gemäß einem von mir zu Anfang gegebenen Befehl bestraft, der androhte: Wer sich auch nur eine Mark davon nimmt, der ist des Todes. Eine Anzahl SS-Männer - es sind nicht sehr viele - haben sich dagegen verfehlt und sie werden des Todes sein, gnadenlos.[…] Wir haben aber nicht das Recht, uns auch nur mit einem Pelz mit einer Uhr, mit einer Mark oder mit einer Zigarette oder mit sonst etwas zu bereichern. […] Ich werde niemals zusehen, dass hier auch nur eine kleine Fäulnisstelle entsteht oder sich festsetzt. Wo sie sich bilden sollte, werden wir sie gemeinsam ausbrennen.
(3)Wikepedia Stichwort Konrad Morgen
(4)Aussage Dr. Morgen 197. und 198. Verhandlungstag Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, die Beschreibung der Tötungspraktiken von Kriminalkommissar Wirth und Lagerkommandant Höß bei seinen Untersuchungen in den Vernichtungslagern, auch KZ Auschwitz.
(5)Eben da, er teilte die Verbrechen in drei Kategorien ein. 1. Gräuel durch höhere Gewalt. 2. Gräuel durch höchste Befehle. 3. Gräuel durch individuelle Einzelakte aus kriminellen Motiven. Seine Ermittlungen beschränkten sich auf die dritte Kategorie.
(6)Aussage Dr. Morgen am 197. Verhandlungstag Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher
(7)Aussage Elleonora Hodys, zugelassenes Dokument auf dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess Exhibit Nummer SS-4
(8)Höß wurde unter Protest am 9.11.1943 von Auschwitz abberufen und ins RSHA befördert, Mai 1944: nochmalige Leitung des KZ Auschwitz. Ab Ende Juni: Auf Himmlers Wunsch Leitung und Überwachung der so genannten Aktion Höß, bei der innerhalb von 56 Tagen über 400.000 ungarische Juden ermordet werden.
(9)Was Heinrich Himmler mit „anständig“ meint: Posener Rede vom 04.10.1943 bei der SS-Gruppenführertagung „Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte,[…]
(10)Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher- 197./198. Verhandlungstag (7. und 8.August 1946)
(11)Zeugenaussage Dr. Morgen am 25. Verhandlungstag, 9.3.1964
(12)Ilse Koch wurde im 1947 Buchenwaldprozess in Dachau zu lebenslänglicher Haft verurteilt. 1948 wurde die Strafe auf ein Maß von 4 Jahren reduziert. Sie wird 1949 erneut vom bayrischen Staatsgerichtshof angeklagt und erhält 1951 eine lebenslängliche Haftstrafe. 1967 nimmt sie sich in ihrer Zelle das Leben. Ihre Beteiligung bei der Auswahl und Nutzung an menschlichen Präparaten konnte nicht bewiesen werden.
(13)Im Bezug auf die von Morgen beschriebenen Lebensbedingungen der Häftlinge in den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau lehnte die Anklagevertretung die Zeugenaussage ab. Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher- 198. Verhandlungstag (8.August 1946)
(14)Letzte Haut, Seite 56
(15)Littell`s Sprachanalyse zum SS Führer Léon Degrelle in „Das Trockene und das Feuchte“
(16)Jonathan Littell`s Buch „Das Trockene und das Feuchte“ Untersuchungen zur Theweleitschen Faschismustheorie[/]
VVN-BdA Weimar